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Besondere Jahre

Im Gespräch unter Gartenbesitzern kommt man automatisch irgendwann zu der Feststellung, welches im vergangenen Jahr besonders gut gediehen ist. So gibt es Zucchini Jahre, wo sie förmlich wie Zeppeline aus dem Kraut schiessen. Wenn man nicht aufpasst, so werden sie innert kurzer Zeit so gross, dass es manch eine Hausfrau an ihre Phantasiegrenze in den Zubereitungsmöglichkeiten bringt. Ein Jahr darauf ist genau dieses Gemüse vielleicht nicht mehr auf der Bestsellerliste. Weil das Wetter dazu nicht so ideal oder sonstiges das Wachsen gehemmt hat. Dafür gibt es dann evtl. ein Tomaten- oder ein Gurken-...ein Bohnen- oder ein Erbsenjahre. Einfach das was am auffälligsten in Menge erscheint.

Bislang ging ich davon aus, dass es nur beim Gemüse so ist. Doch seit einigen Jahren beobachte ich, dass es bei anderen Dingen nicht anders ist. Das muss schon immer so gewesen sein, denn alte Sprüche weisen darauf hin. So heisst es, dass wenn der Nussbaum viele Baumnüsse trägt, dass es in diesem Jahr viele Buben Geburten geben würde. Sind auffällig viele Eicheln oder Buchennüsschen im Wald oder den Wiesenrändern zu finden, dann stehe ein strenger Winter bevor.

Bestimmt gibt es noch einige solcher Prophezeiungen, ob sie dann auch wirklich so eintreffen, sei dahingestellt. 

Nun ist mir in diesem Jahr aufgefallen, dass egal wo ich mich in der Natur bewege, der Huflattich auffällig viel vorkommt. Im letzten Jahr habe ich im Frühling keinen einzigen gesehen.

Es geht sogar so weit, dass er bei mir im Garten in dem einen Kräuterbeet wächst. Wie passend... er hat sich den Idealen Platz ausgesucht. Denn er gehört zu den ältesten Heilpflanzen, wenn es um Husten, Schleimlösen oder Bronchitis geht.

 

Als kleines Mädchen wurde ich im Alter von 5 Jahren für ein dreiviertel Jahr auf einem Bauernhof verschickt. Mit Schild, um den Hals wo mein Reiseende zu lesen stand, wurde ich in den Zug gesetzt und nach einer Weile am anderen Ende der Welt (so kam es mir vor) abgeholt. Dort musste ich bei schlechtem Wetter in einem feuchten Keller, mit diffusem Licht und Bretter auf dem Boden, auf dem man gehen musste, wenn man keine nassen Schuhe wollte, stundenlang Kartoffeln nach Grösse sortieren. 

War das Wetter schön, schickte man mich mit einem Körbchen umgebunden, auf die weiten Wiesen rund um den Hof. Dort musste ich ebenfalls stundenlang Blumenköpfchen abzwicken und diese in mein Behältnis legen. War mein Körbchen voll musste ich dieses in einen grossen Sack leeren und dann ging die Arbeit von vorne los. Ich und die Blumen was waren wir für ein Team…denn ich begann irgendwann aus Einsamkeit mit ihnen zu sprechen. Ich klagte mein Leid, weil ich wahnsinnige Sehnsucht nach meinem Bruder hatte und hoffte, dass meine Eltern mich bald wieder abholen würden. Es machte mich freier und so sang ich nach meinem Klage und ein paar Tränchen die ich dabei verdrückte schon Bald Lieder, die ich von Mama gelernt hatte.

 

Viele Jahre später entdeckte ich in einem Kräuterbuch meine Pflanzenfreundinnen. Und sie hatten nun endlich einen Namen *Huflattich* ich erfuhr auch, dass dieser Bauer die gesammelten Blüten an ein Grossunternehmen, dass sich auf die Anthroposophische Philosophie und deren Heilkunde spezialisiert hatte, verkaufte. Von Kinderarbeit sprach damals noch niemand. 

Als ich vor zwei Wochen den Huflattich in meinem Gartenbeet entdeckte, freute es mich sehr. Auch wenn diese Zeit als kleines Kind nicht die Beste war. Das Kraut kann nichts dafür. Das Gefühl, als hätte ich eine alte Bekannte im Kräuterbeet entdeckt, war schon speziell. 

 

Ach - und um das noch zu erwähnen... Ich liebe Kartoffeln, wenn ich nicht gerade Zuckerfrei leben würde, könnte ich davon jeden Tag essen. Das ich Stunden mit ihnen, im Dunkel und von der Decke tropfenden Keller verbringen musste, hat auch dieser Vorliebe kein Schnippchen geschlagen. hahaha

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