· 

Major Tom

Kennst du das, du erzählst in deinem Umfeld etwas und zu deiner Geschichte gesellen sich mindestens 100 andere hinzu. Doch immer am Ende ihrer Erzählungen, folgten tröstende Worte. An diese hielt ich mich gestern. Obwohl alles sich in meinem Kopf verankert hatten. Ganz fies - mit kleinen borstigen Widerhacken die man mit nichts herausziehen konnte.

Einzelheiten über unangenehmes und schiefgelaufenes…

Es änderte allerdings alles nichts, mein Aufgebot zum MRT stand und so sass ich am Ende im winzigen Wartezimmer des Spitals und wartete das mich jemand abholte. In der Hand hielt ich 2 ausgefüllte Blätter über meinen Gesundheitszustand unter der Zunge bitzelte der Rest der halben Beruhigungstablette. (Eintrag vom 16.11.21 - Wolkenleicht)

Da - mein Name..."Ja - hier" ich stand auf und ging hinter der Maske lächelnd (Coronaschutz) auf eine jüngere Dame zu. Ihre Stimme war sehr angenehm: "Sie besuchen uns zum MRT - Bitte seien sie nicht überrascht - es ist alles etwas provisorisch, weil wir die Handwerker im Haus haben." versuchte sie beim Gehen und in einem abgestumpften Modus von *Das musste ich schon seit Tagen jedem erklären* vor mir her.

"Ach - das macht nichts, so lange ich nicht mithelfen muss." versuchte ich etwas locker zu entgegnen. 

"Hier" sie zog einen Vorhang beiseite "können sie sich ausziehen" Ich sah eine halbdunkle Kammer, einen Hocker, einen Kleiderständer und kleine Kästchen mit Nummern. "Die Wertgegenstände können sie hier hineintun und den Rest deponieren sie einfach, wo sie Platz finden."

"Was heisst ausziehen" fragte ich knapp "Ach ja - sorry!" sie kicherte hörbar "Slip und Socken können sie anbehalten, dafür dürfen sie dieses Hemd anziehen." Sie streckte mir ein gestärktes Etwas entgegen, das sich kurz darauf viel zu gross anfühlte, im Stil als würde ich einen marokkanischen Basar besuchen wollen. 

Ich tat wie mir geheissen, entledigte mich noch von meinen Ohrringen, weil ich das im Warteraum auf einem Plakat gelesen hatte und wartete. Unterdessen pochte mein Herz unaufhörlich "Es wird nicht schlimm - nur ruhig" sagte ich mir immer wieder in Gedanken. Alles wird gut!

Vor dem gezogenen Vorhang meiner *Kammer* hatte man unterdessen jemand hingesetzt dem es hörbar nicht gut ging. "Oh - mir ist so übel" sagte eine Frauenstimme. Ich sah schemenhaft eine Silhouette, die etwas vornüber gebeugt dasass. "Oh - mir ist so schlecht" 

Das war genau das, was ich nun gar nicht gebrauchen konnte. Die Dame wiederholte sich immer wieder und genauso oft kam jemand vorbei und fragte: "Geht es ihnen schon ein bisschen besser."

"Nein - ich brauche noch etwas Zeit, es ist immer dasselbe nach dieser Untersuchung...es ist mir immer übel danach." ächzte sie. 

Auch das wollte ich nicht wirklich hören. versuchte mich auf etwas anderes zu konzentrieren. Sah mich im Halbdunkel um und entdeckte am Ende der Kammer eine Tür mit einem Notausgang Zeichen. Mein Bauch sagte: "Du bist doch genau jetzt in einer Notlage, also mach den Schritt und verschwinde."

Mein Kopf hingegen: "Was Notlage, sei kein Hasenfuss und im Hemd flüchten...ha ha ha"

 

Zack - geräuschvoll wurde der Vorhang beiseitegeschoben. Die Dame auf dem Stuhl sah ich nicht einmal mehr, als man mich freundlich, aber bestimmt aufforderte zu folgen. Dann sah ich das Ungetüm. DIE Röhre - in neutralem Weiss. Ein Raum ohne Fenster – keinen Fluchtweg…

Die Damen fragte mich: "Sie haben Platzangst" (sie hatte es doch auf meinem ausgefüllten Fragebogen gelesen - mmmmhhh) "Wir könnten..." begann sie zu sprechen "Entschuldigung, dass ich sie unterbreche...Ich habe vor etwa einer halben Stunde eine halbe Tablette vom Arzt..." Ich konnte genau so wenig fertig sprechen wie sie zuvor. "Ach bestimmt Ta... (den Namen weiss ich nicht mehr)" ich nickte. Ihre Augen über der Maske machten einen verzweifelten Eindruck "Oh je - das ist gar nicht gut"

Ich zuckte mit den Schulter. Denn drin ist drin und geschluckt ist geschluckt, was soll ich denn da noch sagen? "Wir haben keine guten Erfahrungen mit diesen Pillen gemacht, wir hätten ihnen einen Nasenspray mit Do.... (irgendwas) verabreicht der ist viel effektiver. Doch das geht nun natürlich nicht mehr." Sagte sie etwas Lehrmeisterhaft. "Ja - nu"

 

"Egal" erwiderte ich keck "packen wir es nun an, so wie es ist. Ich werde das schon irgendwie überstehen." In dem Moment glaubte ich wirklich was ich da sagte. Schliesslich sollen sie nun mit ihrem Prozedere in dem Ungetüm und mir als Probanden beginnen. Warum noch Zeit verlieren mit etwas das anscheinend nicht zu ändern war.

"ok - wir werden sehen" sagte sie "nun muss ich ihnen noch rasch eine Leitung für das Kontrastmittel legen." So geschah es dann auch und der Hinweis, dass es im Laufe der Untersuchung in der Röhre, etwas kühl im Arm werden könnte... wurde mit ihrer Tätigkeit mittels Nadel und Plastikschläuchlein mit Pflaster befestigt mitgeliefert.

"Bitte legen sie sich nun bäuchlings hier hin. Den Busen und Kopf in die Aussparungen. Wir haben die Kühlung hochgedreht, dass sie genügend Luft bekommen. In der rechten Hand können sie diesen Ball halten, wenn sie ihn drücken, holen wir sie sofort raus. Sie bekommen noch die Kopfhörer mit dem gewünschten Radiosender aufgesetzt." 

Ehrlich und unter uns - das alles tröstete mich kaum und noch weniger als sie mich wie ein gefangener Walfisch im Marokkohemd nun langsam anschob. Rums! "oh Sorry" Ich lag plötzlich auf eine Seite abgekippt, so als sei mein Liegebrett aus der Schiene gesprungen. "Nur ruhig" sagte sie nervös "Ich bring das grad in Ordnung. Tatsächlich mit einem mächtigen Ruck lag ich wieder gerade. "Nun können wir" 

Ja ich weiss, dass ich nicht gerade die Schlankste bin...das bekam ich nun auch zu spüren. Sie drückte meine Arme noch mehr an den Körper "Können sie noch etwas mehr die Arme..." Ich verstand - ich könnte mich nun etwas entfalten, dann bekämen sie mich nie und nimmer in dieses Ding - ha ha ha

Ich musste mir tatsächlich das Lachen verkneifen. Jedoch nur kurz... Ich war dann drin, der Radio ging an und die Frage über den Kopfhörer kam "Geht`s?" und nach meinem kurzen "ja" ging nicht nur die Magnetmaschine an, sondern eine Panik Attacke packte mich am Schlafittchen und mein Kopf schrie "ICH WILL RAUS --- JETZT SOFORT" 

Jahreslanges Training in verschiedenen Situationen, in denen ich mich nicht gut fühlte, klingelten weit hinten an meine Gedankentür. Tief ein atmen - tief ausatmen. Auch Ruth hatte mir das geraten. "Denk an das Atmen und öffne nicht die Augen." Letzteres tat ich kurz. Denn man könnte auch einem Tiger sagen, er dürfe nicht mehr jagen. Die Neugier ist mein Begleiter. Doch es nützte nichts denn ich sah nur auf den sehr nahen Boden meiner derzeitig viel zu engen, weissen Behausung. 

Es klopfte und ratterte - zischte und klopfte erneut. Das Gerät gab alles. Mein Kopfhörer auch. Diesen Sender hatte ich mir mit Wunsch Rock und Pop, bestimmt nicht ausgewählt. Er lieferte nur Gangsterrap und zwischendurch, wenn wurde immer wieder von Kriminalität in den USA und den Bandenkriegen mit Todesopfern berichtet. "Was soll das - ich wünschte mir eher Elton John mit Rocket Man... oder das Lied aus Armageddon... zumindest Major Tom oder der goldene Reiter..." Das Radio unterbrach, knackte und rauschte - meist war nur mehr das Ächzen meiner Zeitmaschine zu vernehmen und ein Rütteln zu spüren. Wer hat nur so ein Foltergerät erfunden. Flitzte es durch meinen Kopf.

Entgegen der Erzählung von Isa "Ich fühlte mich wie in einem Iglu und plötzlich schwamm ich mit Delphinen" und der Aussage von Fränzi die sagte, es würden mit Fantasie Bilder erscheinen, wählte ich als Nichtschwimmerin, das letztere und fand mich plötzlich in einer Raumkapsel mit nicht stabilem Funk zur Erde und einem Brustbein das höllisch zu schmerzen begann. 

Tief einatmen - wieder ausatmen... die zweite Panikwelle überrollte mich gerade. Aua! Beim Ausatmen schmerzen mich nun meine Rippen und meine Lunge schien sich nicht vollständig ausdehnen zu können. Egal – Mein Ehrgeiz hatte mich wieder – ich wollte da durch und nicht noch mal von vorne beginnen.

"Hallo - geht es ihnen gut" so die Stimme erneut über den Kopfhörer "Mmmhhh mmmmhh" was so viel wie ok hiess..."Es geht weiter" sagte die etwas mechanische Frauenstimme "Als ob es jemals aufgehört hätte." 

Ah! Da waren wieder die Rap Klänge aus dem nicht gewählten Radioprogramm. Diesmal glaubte ich einen etwas Afrikanischen Einschlag zu hören. In meiner Fantasie oder war es die Verzweiflung mich mit allen Mitteln ablenken zu wollen, sah ich tanzende Menschen vor Lehmhütten. Hä? Nun habe ich aber einen Knall" Dann eine Menschenmenge die mich anstrahlten und eine La ola Welle veranstaltenden. Kein Wunder - das Radio spielte nun plötzlich ein WM Song. Hatte jemand nun wirklich Rock und Pop mit dem Regler gefunden. Hahaha

Eine Stimme unterbrach das ungeliebte Lied und sagte: "Sie machen das sehr gut - weiter so. Nun nur noch 10 Minuten, dann haben sie es geschafft." 

 

Nun sass ich total glücklich auf meinem weissen Brett, ausserhalb meiner Raumkapsel, der Walfisch hatte sich verabschiedet und ich fühlte mich wieder als Mensch, jedoch immer noch im Marokko Outfit. Hahaha Vom Kopfhörer befreit, standen zwei Frauen bei mir und gratulierten mir strahlend zu meiner Tat, als sei ich eine Heldin.

"Sie haben das wirklich sehr gut gemacht. Wir haben tolle und ganz klare Bilder von ihnen machen können und das in einem Durchgang. Das kommt bei Platzangstmenschen nicht so häufig vor.

"Es hätte mir mein Kopf nicht zu gegeben das zu unterbrechen, schliesslich wollte ich endlich mein Trauma bezwingen." Sagte ich voller Stolz.

"Wirklich sehr gut gemacht" sagte die eine Dame noch einmal und klopfte mir Kumpelhaft auf die Schulter. Kurz darauf wurde ich auf den Stuhl gebeten wo zuvor die Dame "mir ist so übel" gesessen hatte. Ich hingegen hatte das Glück voller Freude zu strahlen, während mir die Pipline für das Kontrastmittel gezogen und ein Druckverband gemacht wurde. 

Ich zog mich in Windeseile an, legte Marokko auf den Hocker und obwohl ich mich sonst immer in diesem Spital verlaufe - meine Etage zur Untersuchung oder den Ausgang nicht finde, war ich nun so schnell draussen wie noch nie...

riss mir die Maske vom Gesicht, atmete tief durch und hätte vor Glück in die Welt schreien können "Ich habe es geschafft!" Bis in 2 Jahren – dann heisst es nächste Runde, neues Glück.

 

Danke all jenen die mich an diesem Tag gedanklich unterstützt haben. Es tut gut euch zu haben…mit all euren eigenen Geschichten des MRT. hahaha

Kommentar schreiben

Kommentare: 2
  • #1

    Isa (Freitag, 19 November 2021 16:40)

    Bi stolz uff di!!!!Supiiii

  • #2

    hei-angel (Freitag, 19 November 2021 18:24)

    Danke vielmoll du Liebi…❤️
    leider ist das Iglu mit den Delfinen � nur dir vorbehalten gewesen. Doch ein Wal � kam deiner Erzählung schon ein bisschen Nahe. ���