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Ich bin

Musik weckt oft die Geister der Vergangenheit. Natürlich nur wenn man sich die Klänge des Vergangenen auch anhört.

So geschehen als ich in üblicherweise vor dem Schlafen noch etwas Musik genoss. Plötzlich war da Vicky Leandros und das Lied "ich bin wie ich bin"  . Entgegen meiner sonstigen Musikalischen Ausrichtung hörte ich es mir nach Jahren wieder einmal an und machte mit diesem Song aus dem Jahr 1970 augenblicklich eine Zeitreise.

 

Oh mein Gott! Ich war damals 11 Jahre jung. Und weil man keine elfjährige nach ihren Wünschen gefragt hat, sind wir entgegen meinem Willen aus meinem Heimatkanton in den Bergen, in die Nähe von Basel gezogen. Mir ging es nicht wirklich gut, doch das war niemals zum Thema. Es plagte mich riesiges Heimweh nach dem alten Wohnort. Oft schlief ich nachts mit Tränen in den Augen ein und tagsüber gab es kaum eine Ablenkung, die meinen Kummer hätte beseitigen können.

 

Mama war kurzzeitig auf Stellen suche, fand jedoch rasch einen Putz Job. Ein grosses Gebäude in der Innerstadt einer Versicherung veranlasste uns nun jeden Abend von Montag bis Freitag nach Büroschluss mit dem Auto dorthin zu fahren.

Ja *uns*. Mama erklärte Papa nämlich, dass sie schneller wieder zurück sei, wenn ich mithelfen würde. Schliesslich sei ich gewohnt nebst dem Schulpensum auch zu arbeiten. Vielleicht war es auch ihr Plan mich damit auf andere Gedanken zu bringen. Papa willigte ein. Es ist kaum zu glauben, doch es war damals so. Die Ehemänner mussten ihr OK zu solchen Auswärtstätigkeiten der Frauen geben. 

 

Ich liebte diese Büroräumlichkeiten, welche für mich etwas Luxuriöses ausstrahlten. Die Spannteppiche in Grau liessen die Geräusche gedämpfter wirken. Auch wenn Raum um Raum, dessen Türen von einem langen Flur aus abgingen, praktisch gleich eingerichtet waren, hatte jeder von ihnen individuelle Extras. Im einen standen Pflanzen am Fenster, welche ich giessen durfte. Im anderen hingen abstrakte Bilder an der Wand, die mit dem Staubwedel entstaubt werden sollten. Im nächsten Zimmer standen Familienbilder hinter Glas und Rahmen, die geputzt werden durften. Oder Kinderzeichnungen, die man hin und wieder mit einem weiteren Reisnagel an der Wand wieder befestigen musste. Am besten gefiel mir das Chefzimmer. Ein behäbiger Bürostuhl in dunkelbraunem Leder und einem Duft nach Vanille Tabak mache ihn für mich ganz besonders. Natürlich setzte ich mich auf den Chefsessel, während ich mit einem feuchten Lappen den Schreibtisch abrieb. Und natürlich betätigte ich die hydraulische Kippfunktion des Rückenteils, während ich mit demselben Tuch die Armlehnen reinigte. Ich durfte hin und wieder Staubsaugen und einmal sogar die Poliermaschine führen. Sie sollte den Linoleumboden im Flur auf Hochglanz bringen. Stattdessen schleudere sie mich hin und her. Als würde sie einen wilden Tanz mit mir veranstalten wollen. Mama kam mir dann nach einem Schrei zu Hilfe. Die Kraft fehlte mir eindeutig, um die schwere Maschine zu halten, geschweige denn über den Boden gleiten zu lassen. So blieb ich weiterhin die Staubsaugkraft für die in Spannteppich gehaltenen Büros und die Chefin der zu entleerenden Papierkörbe.

In der Pause tranken wir ein Glas Wasser und redeten etwas ausführlicher mit einer weiteren Putzkraft. Die Geschichten, die sie erzählte, liessen meine jungen Ohren spitzen. Sie waren zu interessant. Demzufolge hatte sie einen sehr eifersüchtigen Ehemann, er vergnügte sich gerne mit anderen Frauen, kontrollierte jedoch die eigene, wo er nur konnte. Eigentlich kein Thema für eine 11-Jährige. Vor allem nicht, da bei uns zu Hause mit einem Patriarchen als Ehemann und Vater auch nicht alles zum Besten lief. Egal! Es war ja nicht meine Geschichte.

Mama befand anscheinend ich sei alt genug, um mit in der kleinen Pausengruppe zu stehen und zu zuhören. Mit jeder Woche wurden die Geschichten der Frau haarsträubender. Ich hörte ganz still zu, wollte um keinen Preis auffallen. Horchte still wie ein Mäuschen zu. Es war wie ein Krimi mit Fortsetzung. Hören sie nächste Woche wieder, wenn es heisst: Mein Mann der Täter...oder so. Ich fühlte mich in dieser Putzrunde erwachsener und wollte es mit Fragen oder Auffallen keinesfalls geändert wissen.  

Eines Tages kam die Frau nur kurz vorbei und erzählte sie käme nun nicht mehr. Hätte die Scheidung eingereicht und wohne nun an einem Ort, den sie niemandem anvertrauen würde. Tränenreich verabschiedete sie sich von uns und wir wünschten ihr von Herzen alles Gute.

Doch was hat das alles mit Vicky Leandros zu tun?

Neben dem Bürokomplex gab es ein kleines Café. Dort gingen wir freitags nach der Putzarbeit etwas trinken. Die Lokalität war zu hübsch. Wirkte irgendwie Französisch. Kein Wunder der Pächter war Elsässer. Hin und wieder brauchte er im Gespräch mit Mama französische Worte und das erinnerte mich an meine Heimat. Gab mir ein gutes Gefühl. Es gab dort heisse Schokolade mit Schlagrahm, was ich ebenfalls sehr mochte. Mama wollte nicht das Papa das je erfahren sollte. Unser jeweilige Viertelstunde Wochenabschluss Feier war unser Geheimnis. Wie die Geschichten der Frau die mit uns zusammengearbeitet hatte.

Mama guckte tatsächlich auf die Uhr: «dass wir uns ja nicht vertrödeln». Papa hätte bei zu spätem heimkehren Terz gemacht und da er sehr Eifersüchtig war Mama wieder irgendwas angedichtet.

Diese geheimen Ausflüge taten so gut. Meist bekam ich nämlich nebst der heissen Schokolade eine Münze und durfte mir dafür aus der Jukebox 3 Lieder (oder waren es mehr?) aussuchen. Eines Tages entdeckte ich eben das benannte Lied von Vicky. Es passte so gut zu mir. Das fand ich zumindest. Wer wünscht sich nicht so angenommen zu werden, wie man ist. Vicky sang davon. Ausserdem sah ich auf dem Schalplattencover, dass sie wie ich lange braune Haare und braune Augen hatte. Ich fand Vicky hätte eine ältere Schwester sein könne. Natürlich viel hübscher als ich. Meine Vicky - Für ein 11-jähriges Mädchen, am Beginn der Pubertät, eine kleine Stütze.  

Auf dem Nachhauseweg summte ich im Auto das Lied weiter und weiter, genau bis vor die Haustüre. Denn du weisst Papa...und so...

Ich glaube mich erinnern zu können, dass Mama diese Stelle nur eindreiviertel Jahr hatte. Dann wechselte sie den Job und wurde einmal mehr Servicekraft in einem Restaurant. Damit war meine Tätigkeit auswärts auch vorbei. Adieu Vicky – Adieu Café – Adieu Chefsessel.

Auf meine Schwester aufpassen, kochen und putzen wurde nun nach dem Schulpensum wieder zu meiner Tagesordnung und das Leben ging seinen Lauf.

 

Mama schenkte mir zur kommenden Weihnacht einen kleinen Kofferplattenspieler vom  Trödler und 5 Platten dazu. Genau, auf einer war Vicky zu hören, mit *L`amour e bleu*. Richtig, ein anderer Song, doch das war mir egal. Denn, ich war überzeugt - Ich bin wie ich bin...und werde mich nicht verbiegen und mein Wunsch - dass mich eines Tages jemand annimmt, wie ich bin…diese Zeit wird kommen. la la la - summ summ summ...schmunzel Die Liebe ist Blau … und ich tanzte bei verschlossener Kinderzimmertüre mit Vicky in meine Zukunft... 

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