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Gestern

Gestern vor 5 Jahren wurde zum 2x in meinem Leben Krebs entfernt. Und auch wenn das Thema einer Entfernung und eines Spitalaufenthaltes kein wirklich großartiges ist, habe ich viele gute und lustige Erinnerungen daran.

Mein Wunsch nach einer (wenn überhaupt) guten Zimmergenossin wurde tatsächlich vom Himmel erhört.

Regi, nannte sie sich, wurde wenige Stunden, nachdem ich mein Bett in Beschlag nahm, ins Zimmer geschoben. Einige Stunden später und nach einer Zeit, in der es ihr wirklich nicht gut gegangen war, gingen die erst vorsichtigen...dann immer lustig werdenden Gespräche los. "Warte - ich brauch jetzt etwas Ruhe" sagte sie immer wieder mal, um nach einigen Minuten wie ein Duracellhase auf Speed lustige Geschichten von sich zu geben. Wir lachten uns schlapp. Sie hatte eine Morphinpumpe, die ihr direkt in die Vene Schmerzbefreiendes zukommen liess. Die stimmende Chemie zwischen uns, begann am 2. Tag und endete als wir uns zum Abschied umarmten.

Mein Wunsch, keinen Besuch zu empfangen wurde von allen Freuden und Bekannten eingehalten. Schatz war der Einzige, der diese Ansage nicht einhalten musste. Er kam täglich 1-2mal. Versorgte mich mit Dingen, die ich mag und brachte sogar einen Strauss Blumen. Erzählte mir neues aus dem Geschäft und von Mai-Lin.

Im Laufe der Zeit wurden durch Verwandte, Freunde und Bekannte so viele Blumensträusse angeliefert, dass aus den Neben- & Schwesternzimmer Vasen herhalten mussten. Diese wurden nach meinem Austritt nach 4 Tagen (3 Tage nach OP) an die Mütter der Neugeborenen, welche auf derselben Etage lagen, verteilt. Die Krankenschwester erzählte damals, dass es viele Mütter gäbe, die nie auch nur eine Blume von irgendjemandem erhalten würden. Sie als Pflegeperson glücklich seien, jetzt so viele Blumen verteilen zu dürfen.

Regi meinte: "Mein Mann würde mir auch nie Blumen schenken. Er findet das Unmännlich." Ich tröstete sie: "Dafür besucht er dich jeden Abend nach Büroschluss, das ist doch auch schon was." Als ihr Mann wieder zu Besuch kam und ins Zimmer trat, rief er empört: "die vielen Blumen - wie an einer Beerdigung." Regi guckte mich entschuldigend an und ich lachte: "Ist es auch, wir haben unseren Krebs beerdigt."

Ich schloss mit Regi eine Wette ab: "Ich sage dir, morgen kommt dein Mann auch mit einem Strauss." Sie schüttelte den Kopf: "Nie im Leben." 

Ich hatte recht. Er kam - der Strauss mit 50 Rosen war so gross, dass man sein Gesicht gar nicht mehr sah. Seine Aussage zur Begrüssung: «So einen hat nicht mal Angel bekommen.» Regi bekam kaum den Mund vor Staunen nicht mehr zu: "und dabei habe ich die Morphium Pumpe gar nicht mehr installiert. Also --- es ist wirklich wahr." und dabei verdrückte sie ein Tränchen.

Wir schlossen weitere Wetten ab: "Du musst sehen, heute Abend kommt bestimmt wieder die Krankenschwester und will bei mir den Blutzucker und Blutdruck messen." sagte ich und wir lachten schon allein beim Gedanken daran. So war es auch an jedem Abend. Es konnte doch nicht sein, dass Frau Molli Molli (ich) diese Messung nicht benötigte. Dafür Regi die als dünner Spargel und sehr sportlich aussehend an der Reihe war. Doch genau so war es und wir lachten einmal so darüber, dass keine Messung stattfinden konnte. Wir klopften ein Spruch nach dem anderen und das Lachen konnte dabei nicht aufhören.

Dafür kamen immer wieder Krankenschwestern nach Arbeitsschluss in unser Zimmer und setzten sich auf unsere Betten. Die gute Laune in unserem Raum zog sie an und es dauerte nicht lang und sie machten auch Spässchen und lachten mit. 

Und dann war da noch die Nacht der Nächte... wir hatten uns in den vergangenen Tagen so viel von uns erzählt, auch viel Vertrauliches... doch am letzten Abend, es war stickig heiss im Zimmer und auch Draussen schien es schon wie eine Sommernacht, lagen wir wach und konnten nicht schlafen. Irgendwann es war schon tiefste Nacht, donnerte und blitzte es Draussen. Wir löschten die Lichter und öffneten das grosse Fenster vollständig. Die Blitzlichter am Horizont waren wunderschön zu anzusehen. Der Donner wie ein Befreiungsschlag gegen die Hitze, denn nach etwa einer Stunde prasselte der Regen wie wild gegen das wieder geschlossene Fenster. Unterdessen hatten wir uns gegenseitig ganz viele Dinge erzählt, die uns wahrscheinlich schon lange auf der Seele lagen. Jeder hörte dem anderen zu und manchmal stelle man auch Fragen. Wir redeten bis morgens um 4 oder war es 5. Schliefen dann beide befreit ein, ohne zu wissen, dass wenige Stunden später Regi mitgeteilt wurde, dass sie nach Hause könne.

Mir stellte man es frei...ob ich noch eine Nacht bleiben wolle. Regi ging, abgeholte von ihrem ach! so männlichen Mann (wir kicherten) ...sie drückte mich vorher ganz arg, gab mir dicke Küsse auf die Wangen und bedankte sich für alles, vergoss dabei eine Träne. Da ging sie hin, die kleine schlanke sportliche Frau aus der Spargelfraktion. Ich muss auch jetzt grad wieder schmunzeln.

Wir hatten die Nummern ausgetauscht und versprachen: "wir schreiben uns und sehen uns wieder."

"Was soll ich noch hier" erklärte ich der Krankenschwester und dem Arzt "Nun wird es nur noch langweilig ohne Regi und ich fühle mich fit genug, um Nachhause zu gehen." 

1 Stunde später sass auch ich neben meinem Schatz im Auto und wir fuhren heimwärts.

Regi habe ich nie mehr wieder gesehen. Wir haben noch einige Male hin und her geschrieben, irgendwann verlief es sich.

Doch denke ich gerne an diesen Spitalaufenthalt zurück, bei dem ich auch Schmerzen, Übelkeit und Sorge zu tragen hatte, doch das andere...das eben hier erzählte überwog 100%.

 

Und es fühlt sich heute noch so an, als hätte irgendwer unsere Begegnung so eingefädelt, dass sie uns beiden Erleichterung und eine gute Zeit geben soll. Danke dafür! 

 

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