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Die Göttliche Ordnung

Ich hatte ihn schon gesehen. Es ist erst ein paar Tage her... Doch gestern Abend schauten wir ihn gemeinsam. *Die Göttliche Ordnung*. Ich weiss, Schatz dachte bestimmt: "Ist wieder so ein Frauenfilm" doch trotzdem ging er auf meinen Vorschlag ein. Es erstaunte mich schon ein wenig, dass ich nicht mehr Überzeugungsarbeit leisten musste. Doch vielleicht liegt es auch daran, dass ich ihm bei meinen Film Vorschlägen immer wieder den Satz: "Wenn es Dir nicht gefällt, so können wir ihn sofort wieder ausmachen." mit dazu schob. Das grosse Thema des Films, ohne hier zu viel verraten zu wollen, ist die *Gleichberechtigung*. Alles ist mit dem Schweizerdeutschen Dialekt, (den Film gibt es jedoch auch in Hochdeutsch) sehr glaubwürdig und mit guten Schauspielern besetzt.

Stell Dir vor, bis 1971 und im Kanton Appenzell Inneroden bis 1990, konnten die Frauen an keiner Abstimmung teilnehmen. Es war schlichtweg nur Männersache. So auch das Thema des erwähnten Films. Wie so vieles. Die sogenannten Herren der Schöpfung gaben den Ton an. Konnten laut Gesetz der Ehefrau das Arbeiten ausser Haus, weg von Kindern, Küche, Wäsche und Kochen einfach verbieten. Schau Dir den Film an, der sehr unterhaltsam ein grosses Thema beleuchtet. Gedreht wurde er 2017, handeln tut er im Jahr 1971. 

Da war ich genau 12 Jahre jung. Für mich war es selbstverständlich das Mama arbeiten ging. Ich kannte es nicht anders. Papa hatte wohl seine Unterschrift und damit seine Erlaubnis gegeben. Brav - wie es das Gesetz verlangte. So auch als sie im Jahr 1967 ein eigenes kleines Unternehmen mit 2 Angestellten begann, das sich auf Büroreinigungen spezialisierte. Und das in der welschen Schweiz, obwohl sie kein Französisch sprach. Papa sprang wohl da ein wenig in die Presche. Sie machte es anscheinend gut, denn dafür sprachen die Daueraufträge, mit denen sie ausgebucht war. Das Ganze dauerte leider viel zu kurz. Nur etwa 2 Jahre.

Papa erhielt vom Geschäft den Auftrag in der Nordwestschweiz eine Niederlassung zu leiten. Also zogen wir selbstverständlich in die andere Ecke der Schweiz. Mama arbeite weiter, dann auch dort wieder, hat jedoch nie mehr etwas selbstständiges begonnen. Doch weil das Geld hinten und vorne nie reichte, arbeitete sie wieder im Service eines angesagten Speiserestaurant und in ihrer wenigen Freizeit klebten wir 1000ende von Plastikteilchen in jeglicher Form mittels Aceton auf Haarspangen. befestigten Gummis in ebenso viele Teile, die später Zöpfe und Zöpfchen zieren sollten. Klebten auch da Rosen, Margeriten oder anderes, natürlich auch aus Plastik mittels des giftigen Zeug auf. WIR - Ja, mein Bruder und ich waren dazu verpflichtet nach den Hausaufgaben mitzuhelfen. Bei der Heimarbeit, wie man es nannte. Meine kleine Schwester, 10 Jahre jünger sass derweil mit Spielsachen mit dabei. Brachten wir am Ende dieses Vorgangs die fertige Ware in die Fabrik, wurde Mama mit einem bescheidenen Lohn und neuen Rohlingen nach Hause verabschiedet. Es war wie ein Fass ohne Boden. Ausserdem wohnten wir nun in einem Mehrfamilienhaus, in dem sich meine Eltern als Hauswart verpflichtet hatten. Denn das Geld kam rein und ging viel schneller durch Papas Hände und Kehle wieder hinaus. Nicht genug, galt diese Hauswarttätigkeit auch noch für einem 2. Wohnblock, alle Beide mit je 2 Aufgängen und insgesamt 22 Familien. Der Umschwung an Grün, alles in meterlangen stacheligen Weissdornhecken eingefasst, die es zu schneiden und jäten galt, war nicht unerheblich. So auch das regelmässige Rasenmähen. Ich kann nun hier, ohne jammern zu wollen, sagen... das meiste davon haben wir Kinder gemacht. So kann ich von Stunden im Treppenhaus beim Wischen oder draussen bei der Gartenarbeit erzählen. Immer mit meiner kleinen Schwester im Schlepptau. Kein Wunder Mama arbeitete immer noch *auswärts* und musste Vor- oder Nachschlafen wie sie es nannten. Die Mütter meiner Schulkameraden waren immer zu Hause. So war es üblich. Ich war die einzig (von 42 Kindern – ja, da gab es auch noch Grossklassen) mit diesem Pensum. Ich kochte, dirigierte meinen Bruder, dass er im Haushalt mithelfen musste, sowie beim Abwasch und Einkauf. Das war hin und wieder schwierig, weil er natürlich lieber Fussballspielen wollte. Und noch aussergewöhnlicher, weil kaum ein Junge seines Jahrgangs zu Hause einen Finger rühren musste. Diese Tatsache liess es manchmal echt schwer werden, ihn zu motivieren.

Mit 17 – als ich auszog, hatte ich schon so viel gearbeitet (unentgeltlich – ich bekam kein Taschengeld) wie sonst keine meiner Freundinnen. Für mich war es normal und ich staunte oft, wieviel Freizeit andere hatten. Doch all das war ein guter, wenn auch ein strenger Lehrmeister gewesen.  

Unendlich viele Jahre später… 

 

"Was hältst Du davon wenn Du jetzt zu Hause bleibst? Fragte mich Schatz eines Tages und dass nicht, weil er mir etwas verbieten wollte. Hätte grad noch gefehlt. Lach! Er hätte sowieso auf Granit gebissen. "Du hast so viel in deinem Leben gearbeitet, Du dürftest nun auch etwas kürzertreten." Der Satz von Schatz, den er vor wenigen Jahren aussprach, haute mich beinahe um. "Haus, Hunde und Garten geben immer noch genügend her." meinte er. Ich brauchte nicht lange zu überlegen, auch wenn ich immer gerne ausser Haus zur Arbeit ging. Doch grade nun war wieder ein Wandel angesagt und wir orientierten uns neu. Ich war so was von Glücklich über unsere Art des Miteinander und über seinen Vorschlag. So auch gestern, als ich diesen Film nochmals anschaute, ein Zeitzeuge unserer Kindheit. Ich muss sagen, zum Glück hat sich so viel getan und verändert. Dank starker kämpferischer Frauen und einsichtigen Männern. Dass wir alle Menschen sind und das gleiche Recht haben müssen, so zu leben, dass man glücklich ist.

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