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Unglaublich

Manchmal ergeben sich Geschichten, die sind einfach unglaublich. Eine davon liess gestern Abend meine Augen beinahe überlaufen. Mit Freudentränen notabene.

Begonnen hat alles mit einem Anruf. Es war schon Dunkel...

Oder - nein! Begonnen hat diese Geschichte vor ca. 18 Jahren. Da leisteten wir uns einen Elektriker der die alten Leitungen im Haus, während unserer eigenständigen Umbauarbeiten erneuern sollte. 

So kam es dann auch wie bestellt und besprochen. Der Fachmann war begeistert dem Lehrling die zu entfernenden Leitungen zu zeigen: "Schau! Das ist wie im Lehrbuch, damals 1924 beim Erbauen dieses Hauses hatte man noch solche..." Dabei hielt er ein Kabel in der Hand, strahlte über das Ganze Gesicht als hätte er einen Schatz gefunden: "Schau! Das sind noch die ersten Stromleitungen, die sind noch mit Stoff umwickelt." Es schien mir als sei der Lehrmeister erfreuter darüber als der junge Mann. Sein "KRASS" bestand eher aus etwas zwischen Unverständnis und sich an den Kopf fassen. Ich musste schmunzeln und hätte am liebsten diese Szene in Bild und Ton festgehalten. Keine Sorge, ich tat es nicht! Dafür hat sich deren Besuch in unserem Haus auf andere Art in meinem Gedächtnis festgesetzt. Denn kurze Zeit später - Knall - Bums - Klirr!!! Ich rief nach Oben: "Alles ok?" ein "ja - alles Ok" kam zurück.

Es war die Stimme des Lehrlings, welcher anscheinend eine Aufgabe im Badezimmer erhalten hatte, während der Meister kurz wegfuhr, um etwas zu besorgen. 

Es liess mir keine Ruhe, als ich hörte wie oben Scherben weggekickt wurden. Der Schlag traf mich beinahe. Inmitten von Scherben stand der junge Mann, bleich und mit den Worten: "Es ist nicht so schlimm"

Nicht so schlimm? Der grosse Spiegel befand sich nicht mehr an der Wand. Jenes Teil, dessen Rahmen extra von uns angefertigt wurde, dass es die Form der Schräge des Kamins hatte. Seine Scherben verteilt. Noch schlimmer stand das Gestell des Antiken Waschschüssel Gestells unbestückt an der Wand. Die Schüssel und der Krug, so wie der Wassertopf lagen ebenfalls in Scherben über den ganzen Badezimmerboden verteilt. Die weissen Porzellanbruchstücke machten mich Fassungslos. Ich schaute den jungen Mann an, dieser sagte keck: "Ach, nicht so schlimm - wir sind versichert. Das wird alles ersetzt." 

Ich kämpfte echt mit den Tränen. "Ersetzt - lieber Mann, das kann man nicht ersetzten" Er schaute mich fragend an: "Doch - wir sind versichert, sie bekommen das Geld und dann, ja dann können sie es sich wiederkaufen." Ich atmete tief ein, tief aus... versuchte mich zu Mitten. Obwohl ich nun langsam zum Punkt kam, ganz andere Dinge tun zu wollen... Ruhig - ruhig sagte ich mir innerlich.

Die Eingangstüre war zu hören und jemand kam die Treppe hoch. Der Meister stand vor uns: "Was ist passiert?" Er schaute sich alles an und dann den jungen Mann, dieser zuckte mit den Schultern, in den Händen eine Bohrmaschine, die er anhob und zu erklären versuchte. Doch der Meister unterbrach ihn: "Wir sind versichert, das wird ihnen natürlich erstattet."

Herrgott hilf! Es war zum Mäusemelken - "Man kann das nicht erstatten" sagte ich nun mit scharf gesprochenen S (diese S die Schatz als gefährlich einstuft) "Es ist ein altes Stück - GEWESEN! Aus einer Antiquitäten Börse" Der Lehrmeister zog nun ebenfalls die Schultern hoch "Es tut mir leid" Ich konnte meine Ruhe nicht bewahren: "Hätte ich gewusst, dass ihr heute im Badezimmer zugange seid, wäre es weggeräumt gewesen. Obwohl, dass man das auch von Ihnen hätte erwarten dürfen."  

Eine Woche später erhielt ich einen lächerlichen Betrag in einem Couvert mit einem Entschuldigungsschreiben. Das wir uns richtig verstehen. Etwas, dass man schön und besonders findet, kann man nicht mit Geld aufwiegen. Da zählt die Emotionale Verbindung viel mehr. Das kennst Du vielleicht auch?

Fortan stand das Gestell mit einer modernen einfachen Ersatz Milchglasschüssel da. Die Erinnerung an das alte Set wurde durch die Seifenschale, die als einzige das Unglück überstanden hatte festgehalten. Bei jedem Besuch in einer Brockenstube, auf dem Trödelmarkt oder bei einem Antiquitätenhändler hielt ich Ausschau nach einem ähnlichen weissen Porzellan mit rosa Blüten Dekor. Doch ich fand nichts was gefiel oder passte. Irgendwann schickte ich mich in den Gedanken, dass es halt wohl so bleiben muss, wie es ist. Nicht das was es mal war. 

 

Gestern Abend der Anruf - Es war schon Dunkel. "In 10 Minuten sind wir bei Dir" geben nur was ab und verschwinden dann wieder" Klack - Der Anrufer, der Freund meiner Schwester wusste genau, dass ich schon vor Wochen eine Gästesperre für unser Haus ausgerufen hatte. (Corona Vorsorge) Doch immer wieder erschienen Ansagen per WhatsApp, dass Sie noch immer mein Geburtstagsgeschenk hätten (seit September) und sie es nicht per Post schicken können. Ok - Einige Zeit später sah ich 2 Lichtkegel auf unser Grundstück fahren. Meine Schwester stieg aus, ich ging ihr entgegen und sie rief: "Wie waren grad in der Nähe und da wollte ich Dir dein Geburtstags- / Euer Advents- & Weihnachtsgeschenk abgeben" Sie sprach wie ein Maschinengewehr, was ich gewohnt war, wenn sie etwas aufgeregt ist. Und sie ist oft (nennen wir es mal) Temperamentvoll. Öffnete die Klappe ihres Autos, sprach irgendwas, was ich nicht verstand und wies ihren Freund an. "Es ist schwer, lass es deinen Schatz tragen" rauschte sie an mir vorbei "Es ist alles ok so - wir wollen auch gar nicht reinkommen, wir fahren grad wieder." Tasche 2 drückte sie mir in die Hand und etwas weiteres ging nochmal Schatz. Ich bedankte mich, wir sprachen noch kurz miteinander, liessen Naya an der Eingangstüre erscheinen, damit sie mal die Verwandtschaft aus der Ferne sehen konnte. Ok - sie ging dann raus und liess sich streicheln. Dann --- war der Ganze Besuchszauber vorbei und ich winkte dem Beetle meiner Schwester in der Dunkelheit nach. 

Im Haus standen Taschen, in der einen… eine Flasche Wein und Zigarren für Schatz, in der anderen Schokotrüffel und eine hübsch verpackte Kerze mit Engelchen im Federkleid und in der grossen schweren....

"ICH GLAUB ES NICHT!" Rief ich - "ich glaub es nicht - schau Dir das an!" Schatz sass seelenruhig in seinem TV-Sessel und guckte mich an: "Was?" Wie konnte der nur so ruhig bleiben? Lach - Ich glaub es nicht! Wiederholte ich mich und zog aus einer Einkaufstasche erst einen Krug und dann eine Waschschüssel. Das Beige des Porzellans und das Dekor in Grün liess mich sofort erkennen, dass es sich um ein Jugendstil Objekt handeln muss. Nach einem Telefonat mit meiner Schwester, welche sich auf dem 90-minütigen Heimweg befand, erfuhr ich, dass sie die Idee hatte mir sowas schenken zu wollen. Sie seien in eine Brockenstube gegangen und ihr Freund hätte dieses Ensemble entdeckt. Gesehen, verhandelt und gekauft - weil Sie so überzeugt waren, dass es passen wird. Ohne die Masse des Gestells je erfahren zu haben. Und was soll ich sagen - sieh selbst im Bild --- es passt und wie! Es ist sooooo schön!

Findest Du nicht, dass das eine unglaubliche Geschichte ist?

 

Da wartet irgendwo in einer Ausstellung etwas das laut Stempel zwischen 1878 und 1920 entstanden ist. Jemand hat es einst als täglichen Gebrauchsgegenstand genutzt (das erzählen die abgenutzten Spuren) und dann landet es von Bonn über die Ostschweiz hier in die Nordwestschweiz in unser kleines Dorf, in unser Haus und erfüllt mein Herz mit Freude und Dankbarkeit. Unglaublich! Danke liebe Schwester und Freund... das werde ich Euch nie vergessen. 

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