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Sicherheit

Ach was war ich am 28. Oktober 1982 nervös. Doch für kurze Zeit wurde ich aus diesem Gefühl herausgerissen. Es schepperte gewaltig im Hauseingang. Dazu vernahm ich Stimmen und Lachen. Schatz guckte mich schmunzelnd an: "Ich glaube wir müssen mal runter - mal schauen." Natürlich war er eingeweiht gewesen, dass seine Mama, die 3 Schwestern mit Anhang, plus Tante und Onkel uns einen Besuch abstatten würden.

Da war es wieder, mein nervöser Magen. Ich mochte und mag es auch heute noch nicht im Mittelpunkt zu stehen. Doch das liess sich an diesem Datum wohl kaum vermeiden.

Die lachenden Gesichter, die uns im Hauseingang entgegenstrahlten, entlockten auch mir ein Lächeln. Auf dem Boden lagen Scherben, doch was nun folgte war ein Getöse von zerberstendem Porzellan. POLTERAAAAABEND! riefen die Geschirr werfenden Personen.

Es dauerte nicht lang, da war die Porzellan "Munition" aus. Dafür der Boden über und über voll mit Zerbrochenem.

"Also packen wir`s" sagte irgendwer aus der Familienbande "gehen wir nach Oben zu Kaffee, Bier oder Wein" Es schien für alle eine gute Idee zu sein. Schatz ging allen voran und die anderen marschierten wie ein Rudel in den geschlossenen Bereich und die Treppe hoch.

"Ah! Ruhe" dachte ich "Nun müsste nur mein Magen aufhören, sich so ekelhaft zu benehmen" Es dauerte nicht mal eine Minute, da brachte mir irgendwer, ich weiss nicht mehr wer es war, einen Besen, Kübel und eine Kehrschaufel. Ok - das war mal eine Ansage (würde man heute sagen).

Ich kann nicht behaupten, dass ich vor Freude grad Luftsprünge gemacht hätte - ich soll zusammenkehren, während die anderen Feiern. Notabende die Vorfeier zu meiner/unserer bevorstehenden Trauung.

Ach, was soll`s. Jemand musste es ja tun. Oder anders gesagt, ich war noch so ein Küken und zu oft angepasst, dass ich mich nicht getraut hätte, mich vor Schatzes Familie dagegen aufzulehnen. 

Heute, oder schon ein paar Jahre später hätte das anders ausgesehen. Da wäre ich hoch gegangen und hätte mich unverrichteter Dinge mit an den Tisch gesetzt. Um später jemanden (oder auch mehrere) zur Mithilfe zu motivieren. Doch als ich an dem Abend mit einem vollen Kübel und den Wischutensilien die Türe zur Küche öffnete und in die laute Menschenansammlung guckte, wäre ich am liebsten wieder nach unten gegangen. Erst recht als jemand die Aussage machte: "Was schaust Du so? Schliesslich ist das Putzen nun deine Pflicht als bald Frischgebackene Ehefrau."

Ich lächelte, war mir unsicher, ob es ein Spruch oder Ernstgemeint war. Doch es lachte niemand - Vielleicht wussten es die anderen genauso wenig ob ernst oder Witz. Egal!

 

Wenn ich heute Fotos von diesem Abend anschaue, dann sehe ich ein unsicheres bleiches Entlein Namens Angel. Ich sitze inmitten von sichtlich ausgelassenen Menschen. Mein Gesichtsausdruck lässt ahnen *Ich wäre jetzt am liebsten auf dem Kilimandscharo* oder noch besser auf dem Mond. Stattdessen packte mich nun Schatzes Onkel und drückte mir einen Schmatzer auf die Wange. Hätte er bei seiner eifersüchtigen Frau nicht wirklich tun sollen. Ja nun – das war nicht mein Bier. Stattdessen wechselte ich den Platz und mich damit in Sicherheit vor solchen Attacken.

Spät nachts im Bett lag ich wach und dachte: "Ob es richtig ist... diesen jungen Kerl, den ich sehr liebe, am nächsten Tag zu heiraten? Man weiss ja nie, wie es wird?" Warum plötzlich solche Zweifel? Bestimmt haben das andere auch. Und es konnte niemand sagen, wie es wird. Unsere Zukunft, auch wenn ich noch so auf der Suche nach Sicherheit war. Am nächsten Morgen erwachte ich mit genau dem flauen, nervösen Gefühl im Magen, das mich schon länger begleitete und mir den Appetit raubte.

An den Tagesablauf erinnere ich mich nicht mehr. Bestimmt hatte ich wieder viel zu viel Kaffee getrunken und noch mehr geraucht. Beides gibt es in meinem Leben schon lange nicht mehr - lach - Zumal SUUUPER! Bei Nervosität - (an den Kopf greifend) Doch der junge Kerl *grins* Ist mir geblieben. Mit ihm sass ich an diesem 29igsten Oktober abends in einem der kleinsten Fiats die es gab, auf der Rückbank. Wurden vom Trauzeugen und der Trauzeugin zum Standesamt gefahren. Ich erinnere mich die Scheiben liefen an und es war leicht regnerisch. Ausserdem schon am Eindunkeln. Heute würde ich vielleicht noch in dieses fahrende Italiener Rucksäcklein hineinsteigen können, doch käme ich wohl nie mehr raus. *hahahaha* (Schatz - auch wenn er was anderes behauptet, ginge es gleich - Lach) 

Und dann lag kurze Zeit später im Amt, dass was mich nicht ... heute würde man sagen *chillig* sein liess. Ein silbriger Füllfederhalter und ein Blatt Papier. HIIIIIIIILFEEEEEE!

Wenige Minuten später fühlte ich mich befreit, obwohl nun offiziell gebunden, doch glücklich. Ich hatte es geschafft meine Unterschrift mit dem neuen Familiennamen auf das Dokument zu schreiben. Ich küsste Schatz, wir strahlten uns an und die Standesbeamtin verabschiedete uns mit den Worten: "Eine lange und harmonische Ehe wünsche ich Euch Beiden, natürlich von Herzen. Doch denken sie daran, eine Scheidung ist und wird viel teurer." (Nachträglich – greife ich mir gedanklich nochmals an den Kopf)

Wir verliessen das schöne Gebäude im Eilschritt, als hätten wir was gestohlen, stiegen in den kleinen Fiat und ich fragte: Habt ihr Lust, wir fahren zu uns nach Hause und ich koche uns Spaghetti Napoli mit viel Käse" Dies wurde freudig angenommen. 

Und wenn Du nun nachgerechnet hast, so kommt Du auf die Zahl 38. So viele Jahre mit Berg- und Talfahrten, halt… was einem das Leben so zuspielt und viel Liebe, Respekt und Vertrauen.

 

Aus dem Kerl wurde ein toller Mann, einen besseren hätte ich nicht bekommen können. Und - aus dem Entlein, eine Frau, die definitiv weiss was sie will. Unter anderem, noch viele weitere Jahre mit ihrem Schatz – lach! 

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