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Nicht gewusst

"Es gibt nur einen Weg,

der nur für dich bestimmt ist."      - Udo Schroeter - 

 

Und trotzdem, so einzigartig auch jeder einzelne Weg ist, wird er unumstösslich mit vielen Menschen und noch mehr Geschichten gesäumt sein. Von Deinem ersten, ach, was sag ich – von der Erkenntnis an, dass es Dich schon Bald als Erdenbürger geben wird.

Ist es nicht schade, wenn viele dieser Geschichten verloren gehen?

Das ist eine Frage, die mich seit längerem begleitet.

Also genauer gesagt, seit Papa, der nicht unbedingt ein grosser Erzähler war, in einer lauen Minute, von einer Schwester (also eine Tante von mir) welche in jungen Jahren an Liebeskummer gestorben sei, erzählte. Sie durften sich, laut Papa, ähnlich wie im Roman von Romeo und Julia nicht sehen. Montagou und Capolet in der eigenen Familie – wie spannend und traurig zugleich. Zumindest versuchten die Elternpaare die Liebschaft zu verbieten, gar zu verhindern. Meine Neugierte als Mädchen war geweckt. Ich stellte selbstverständlich Fragen über Fragen. Doch Papa gab nur noch so viel preis, dass die junge Frau und der Mann heiraten wollten, dies jedoch verhindert wurde. Daraufhin wurde Constanze sehr krank und starb aus Liebeskummer. Sie soll nicht mehr gegessen, noch getrunken haben.

Natürlich rückte diese Erzählung irgendwann in den Hintergrund. Bis sie vor etwa 15 Jahren, ich weiss nicht mehr aus welchem Grund, wieder an die Oberfläche kam. Papa war unterdessen verstorben und hat so viele Geschichten mit in die Stille genommen. Wo sie mit ihm die letzte Reise antraten, ins Land des Vergessens, des Löschens und des nicht mehr Wiederbringens. Die Idee Papas Schwester, Uralt und die letzte der einstigen 7 Kinder zu kontaktieren, wurde mittels Briefs in Angriff genommen.

Und obwohl ich sie schon seit ganz vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte, rief sie mich kurz darauf an. Es war als hätten wir uns erst gestern das letzte Mal gehört. Kein Wunder, wurde ich als Kleinkind oft Monate lang bei ihr abgegeben. Eine schöne und gute Zeit in meinem jungen Leben. Lediglich Tantes Stimme war nun am Telefon brüchig und alt geworden. Doch als sie auf meine Frage antwortet, dass diese "Überlieferung" völliger Blödsinn sei, alles Papperlapapp, da spürte man etwas von ihrer früheren Energie. "Sie ist ganz einfach an Tuberkulose gestorben. So ihre Worte. Lach – Sei nahm den ganzen Verona Balkon Zauber mit einem Schlag. Selbst Schuld – ich wollte es doch wissen – die Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Dominant war sie, meine von mir geliebte Tante. Dominant wie alle Frauen im Clan aus Vaters Familie. Meist Schwarz gekleidet, meist mit schwarzen zurückgegelten Haaren zu einem Knoten gesteckt. So wie man sich italienische Frauen (auch wenn sie keine waren), vielleicht eine Capolet vorstellt. Was sie anordneten wurde gemacht. Punkt!

Lediglich die Mutter (also meine Oma) sei, sehr sanft, gläubig und leise gewesen. So Vaters Aussage über meine Grossmutter, die ich nie kennengelernt hatte und die er vergötterte. Doch auch von ihr wurden keine weiteren Erzählungen überliefert. So konsequent, dass ich nicht einmal ihren Vornamen kenne. Nur einmal sah ich ein Foto von einer alten Frau - ein Portrait - Auf dem Papa an einem Sonntag am Esstisch die darauf zusehende Kleidung mit einem Goldstift anmalte. So auch einen Rahmen mit demselben goldenen Marker. Es sei die beste Frau in seinem Leben gewesen. Diese Aussage war für mich als Mädchen schon etwas befremdlich, denn wo war da in seinem Herzen der Platz seiner Frau, meiner Mama? Das hätte mich schon auch interessiert. Doch das…das, getraute ich mich nicht zu fragen.

Tante sagte: "Er war halt der jüngste, ein Nachzügler und er hing immer an Mamas Schürzenzipfel" Mein Papa. Der Jüngste? Welche Jahrgänge hatten denn all die anderen? Sieben sollen es gewesen sein... doch ich kannte nur 5... was mit Constanze passiert war, das wusste ich ja unterdessen. Wobei - vielleicht hätte es noch eine weitere Version gegeben hätte ich die Chance gehabt noch jemanden der sie gekannt hatte zu fragen. Doch wer war Nummer 7. 

Auch eine Frage die mit ins Grab genommen worden war. Wie ärgerlich, ich gebe zu nicht lebensnotwendig, doch interessant wäre es gewesen. Und hätte das Ganze Familiengebilde etwas runder gemacht.

Denkst Du nicht auch, es wäre interessant, wenn man etwas mehr über die eigenen Wurzeln wissen würde. Anekdoten, Vorkommnisse und Erzählungen. Das ist doch das wahre Erbe. Oder würde es zumindest sein. Überlieferungen, die ich meiner Nichte, Du deinen Kindern, man untereinander erzählen könnte. Sie über Jahre weitertragen könnte. Weil sie so einzigartig sind, wie jeder einzelne von uns.

Denn ich bin überzeugt, es würde interessieren. So, wie man das früher gemacht hat. Als man vielleicht noch weniger über einen umgefallenen Sack Reis in China sprach. Sondern das Interesse an der Familie noch mehr vorhanden war.

 

Ich bereue es wirklich, dass ich nicht schon früher manchen Personen unserer Familie auf die Füsse getreten bin, um wichtiges und unwichtiges zu erfahren. Denn dann hätte ich bestimmt die Frage einer Ärztin bei einer Routineuntersuchung beantworten können: "Hatte jemand in ihrer Familie Diabetes?" doch ich konnte diese und die folgenden Fragen über meine Verwandten (verflixt nochmal) einfach nicht beantworten. 

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