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Das Gipskraut

Grüne Stängel mit kleinen weißen Blüten. Das Schleier- oder Gipskraut wird es genannt. Aus ihnen wurden früher Kränze gefertigt, um das Haupt einer Braut an ihrem schönsten Tag zu schmücken. Damals als es noch kostengünstig sein musste, um genau diesen Tag im Leben eines Paares, hochleben zu lassen. Der Preis für die Ausrichtung des Festes nicht an den eines Einfamilienhaus heranreichen musste.

Ich erinnere mich noch vage an ein Hochzeitsbild, dass ich vor seinem definitiven Verschwinden, als Kind von meinen Grosseltern väterlicherseits gesehen habe. Auf diesem trug das Paar mit ernster Miene eine Schwarze Festtagsrobe. Man erklärte mir, dass wenn das Geld nicht gereicht hätte, so wäre das Sonntägliche Kirchgang Gewand auch das Trauungskleid gewesen. In der Hand hielt meine Grossmutter ein Sträusschen mit Röslein und Gipskraut.

Heute entscheiden die Bräute ob sie anstatt im üblichen weiss, vielleicht nicht lieber in champagner, rosè oder gar rot vor den Altar treten wollen. Der zukünftige Gatte selbstverständlich farblich angepasst. Die Gästeschar grösser als gross sein muss und die Fahrt zum Traualtar in einer Ludwig des 15. Kutsche oder in einem Helikopter geschehen sollte. Pompös - grandios und extraordinär ist die Devise.

Es wird alles üppig geplant, bestellt und gekauft, als wäre das ein Garant für ein langes gemeinsames Leben zu zweit in Harmonie und Liebe. Hochzeitsreisen an die Strände von Bali, Thailand oder Hawaii sollen das Ganze noch unterstreichen. Es freut mich für jeden gelungenen Anlass und noch mehr, wenn die Hauptakteure glücklich werden. Doch meiner wäre es nicht.

Schaut man auf das Zeremoniell und die Feiern von früher zurück, mit Kirchgang, einem guten Essen. etwas Tanz und kleinen Geschenken, so fällt auch auf, dass deren Zukunft eher von Dauer waren. Warum? Weil man leidensfähiger, kompromissbereiter oder generell bescheidender war? Nicht klotzen musste? Man weiß es nicht. Es gibt wohl keinen Garanten und bestimmt liegt es auch nicht an der Feierdurchführung. Doch wäre nicht vieler Orts --- weniger mehr? ---

Denn dann kommt da so ein hübscher, romantischer und zarter Schleierkrautkranz daher, einer der insgeheim viele Mädchenherzen höher schlagen lässt. Ein Kränzchen, das flüstert... kehrt doch zu der stillen und bescheidenen Art zurück, dort wo die Besinnlichkeit noch ihren Platz findet und das Augenmerk auf die Liebe und nicht Übermäßiges gelenkt wird. Ein Kränzchen, das mit seinen kleinen Blüten in Gips Färbung von vielen Jahren Gemeinsamkeit in guten und in schlechten Zeiten erzählt und dies nicht nur zu einer Floskel im Eheversprechen heranwachsen lässt. Etwas das unsere Vorfahren noch kannten.

 

 

All diese Gedankenfäden spannen sich zu diesem Eintrag, als ich das kleine Gipskraut in meinem Garten entdeckte. Ein vergessenes Kraut, dass viel von einem der wichtigsten Tage eines Paares zu erzählen hätte. Wenn es denn gewählt werden würde. Also bereit dazu wäre es allemal, ein Kopfhaupt oder ein Sträusschen (auch ohne Hochzeit) zu zieren. 

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