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Rankend

Entschwunden ist mir die Erinnerung an den Zeitpunkt als es mir jemand erzählt hat. Genauso auch wer es gewesen ist. Kein Wunder - es ist auch schon viel zu lange her. Unendlich lange. Es muss auf jeden Fall in meiner frühen Kindheit gewesen sein. Ob ich es von Mama oder von einem Mitglied der unzähligen Ersatzfamilien, bei denen ich manchmal über Monate lebte (meist bei Tanten und Onkels) zu hören bekam? Keine Ahnung. Doch ein Teil des Gehörten und ein Bild halten sich nun seit über 55 Jahre in meinem Kopf und wahrscheinlich werde ich es bis zu meinem Ableben in Erinnerung behalten.

Der Teil der Geschichte, der mir in Erinnerung geblieben, ist winzig klein... er besteht nämlich aus einer Handvoll Bohnenkerne. Diese gepflanzt wachsen sie über Nacht hoch hinaus, so hoch, dass das Ende vom Boden aus gar nicht mehr zu sehen ist und im Himmel hoch oben verschwindet.

Das Bild in meinem Kopf stammt bestimmt aus dem Märchenbuch...

Ein Junge, welcher am dicken fleischigen Bohnenstrang nach Oben geklettert ist, Unter ihm, gaaaaanz weit unten sind kleine Häuser, Äcker und Bäume zu sehen.

Genug, um meine Fantasie anzukurbeln. Den Rest der Geschichte habe ich heute Morgen nachgelesen und war erstaunt, was ich da so alles in der Erinnerung weggewischt habe. Kein Wunder - es gefiel und gefällt mir auch heute noch nicht. Doch diese Ranke, welche ich Nachts im Bett liegend gedanklich wachsen liess. War eine Möglichkeit (obwohl ich seit Kind an Höhenrespekt leide) hin und wieder allen Problemen, jedem Streit, jeder Misshandlung und Ungerechtigkeit zu entfliehen. Manchmal, wenn mir die Erwachsenen so gegen den Strich gingen, spuckte ich von ganz weit oben einfach auf ihre Köpfe runter.  Sie schauten sich um, ganz klein waren sie und konnten nicht ausmachen, von wo sie nun Nass wurden. (Lach) Es gefiel mir die Landschaft von Oben zu sehen. Sie verändert sich von Mal zu Mal, sowie auch meine Kletterhöhe. Manchmal steckte ich mir gedanklich auch Kieselsteine in die Tasche und bewarf, unentdeckt, mein Untendrunter. Oder sie weinten, (Sogar Papa) weil sie mich nicht fanden und vermissten. Meist schlief ich dann mit diesen Fantasien ein. Im Hintergrund immer eine kleine Angst, dass beim nächsten Mal die Bohne nicht wachsen könnte. Doch sie hielten mir lange Zeit die Treue.

 

Gestern im Garten... nein – ich habe keine rankenden Bohnen gepflanzt - (hahaha) bin bekennende Buschbohnen Esserin. (kicher) also gestern im Garten bauten wir, oder besser gesagt Schatz, das Rank Gerüst für den Kürbis fertig. Den ersten Teil hatten wir etwa vor 2 Wochen aus einer alten Leiter und Pfosten gesetzt. Nun ragte die Pflanze mit einem dicken Hauptarm darüber hinaus. Zeit eine 2. Etage drauf zu setzten. Schneckensicher, denn die haben schon 3 Kürbispflanzen in diesem Jahr weggemampft. (Das war bevor ich von der Kaffeepulver Düngung und Schneckenstopp erfahren habe) Ausserdem ist nun das Ganze Platzsparend, da Kürbisgewächse ganz schön ausufernd sein können. Beides ist nun nicht mehr möglich. Oder wenigsten das eine davon Senkrecht. Hey! Es sieht echt cool aus. Für mich zumindest. So gut, dass ich gleich ein paar Fotos schießen musste.

ZACK - Da war sie wie aus dem Nichts - die Geschichte der Bohnenranke. Nämlich genau in dem Moment als ich das eine Foto, bei dem der Arm des Kürbisgewächses sich zwischen der Leiter emporreckt. "Wenn sie noch länger wird - die Ranke - setzen wir dann noch einen 3. Stock darauf?" Hatte nun Schatz bei meiner Frage die Augen gerollt? Auf jeden Fall versorgte er rasch sein Werkzeug. Schweissperlen standen ihm von der Arbeit mit Säge, Schrauber und Schlagband noch auf der Stirn, als er sagte: "Ich glaube das sollte reichen." Und verschwand. (hahahaha - Flucht vor meinen Worten? Die plötzlich mit Nachdruck ausgeführt gehören? – hahahaha – nein keine Sorge er wird nicht dazu gezwungen, im Notfall kann ich das auch) "Man weiss ja nicht, wie lang sie werden, diese Kürbisse." rief ich hinterher. (kicher)

 

Schliesslich weiss ich das von Bohnen, dachte ich innerlich schmunzelnd und ein Gefühl von Glück und Freude machte sich in meinem Herzen über die neue Rankleiter breit und einem Kürbisstrang... der so gesund und kräftig aussah, als könne er es mit jeder Märchenbohne mit Links und ohne umzusehen aufnehmen.  

 

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